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Wir sitzen zu dritt am Fenster und schauen den Schneeflocken dabei zu, wie sie langsam vom Himmel herabfallen. Der Heizkörper wärmt meinen Unterarm und ich bin glücklich und zufrieden. Meine beiden Söhne sitzen auf mir und drücken ihre kleinen Nasen auf die kalte Fensterscheibe, um ja keine Flocke zu verpassen. Ich freue mich jedes Mal, wenn es schneit. Dann erwacht mein inneres Kind, das sich darauf freut mit dem Bob den Berg hinunter zu düsen und Schneeballschlachten zu machen. Wir sitzen noch eine Weile in Stille, bevor die Dunkelheit uns einen Strich durch die Rechnung macht. Zu schwer wird es die Schneeflocken zu beobachten. 

Wir sind müde, alle drei. Hinter uns liegen Tage, die wir schon lange nicht mehr hatten. Tage mit Struktur. Tage mit Plan. Keine Tage, in denen wir bis mittags im Pyjama zu Hause herumtollen konnten, sondern Tage, an denen wir um eine gewisse Uhrzeit an einem gewissen Ort zu sein hatten. Normale Tage, will man meinen. Unsere nicht, die waren anders im letzten dreiviertel Jahr.

Doch nun hat er uns wieder – der Kindergarten. 

Wir gewöhnen uns wieder daran. Eine ganz gewöhnliche Eingewöhnung, die uns alle fordert. Auf allen Ebenen. Mein Herz schmerzt, ich sage es ganz offen. Daran gewöhnen, dass mein 3-jähriges Kind von fremden Menschen betreut wird, kann ich mich nur schwer, auch wenn wir uns in der Eingewöhnung gut schlagen. Dabei habe ich mich selbst eigentlich nie als Mutter gesehen, die nicht loslassen kann. Und ich bin mir ehrlich gesagt auch gar nicht sicher, ob es darum geht. Dass ICH nicht loslassen kann. Seit wann ist es denn normal geworden, dass wir bereits unsere 1-jährigen Kinder in eine Fremdbetreuungen geben? 

Als ich noch ein kleines Mädchen war, stand es nicht zur Diskussion, wer sich um die Kinder kümmert und zu Hause bleibt. Das war damals ganz klar die Aufgabe der Mütter. Sie haben alles übernommen, geschupft, gemanagt und wurden dafür auch noch klein gehalten. Etwas „wert“ war die Arbeit der Kinderbetreuung nicht. Erstaunlich, gibt es doch Studien, die besagen, dass es einer Belastung von 2,5 Vollzeitjobs entspricht. 

Es waren andere Zeiten und die Frauen von heute haben so viel mehr Möglichkeiten und Chancen – sie sollten sich glücklich schätzen. Meint man. Aber haben sie wirklich eine Wahl und wenn ja, welche denn? Meiner Ansicht nach sind wir im Jahr 2021 noch tausende km von einer Gleichstellung entfernt. Und so wird einem die Entscheidung oft abgenommen. Von außen. Von den Strukturen. Vom System

Mein Herz schmerzt. 

Es fühlt sich falsch an. 

Dabei will ich gar nicht beurteilen, ob eine Betreuung durch die Mutter oder den Vater oder Kindergarten besser oder schlechter ist – das ist nicht der Punkt.

Was ist denn der Punkt? Kindergarten ist doch etwas, was Spaß macht und zum Glück haben wir diese Möglichkeiten bei uns, mag sich nun der ein oder andere denken. Natürlich ist es das! Ich ziehe den Hut vor den Betreuern, die ihren Beruf mit Sicherheit nach ihren besten Möglichkeiten ausüben und aus Leidenschaft machen. Ja, und Kinder sind soziale kleine Wesen, die andere Kinder brauchen. Durch den Kindergarten bekommen sie Impulse, die sie zu Hause in dieser Form sicher nicht bekommen würden. Sie dürfen sich in einer anderen Umgebung ausprobieren, testen, in Gruppen zurechtfinden, Konflikte austragen. Sie dürfen alles und müssen noch nichts. Klingt wunderbar. Ist es mit Sicherheit auch. Was ist denn dann das Problem, frage ich mich und mein Herz? 

Was für ein Umfeld wünsche ich denn meinem Kind? Wieviel „Realität“ will ich ihm mit 3 Jahren zumuten und kann ich nicht vielmehr von seiner Welt lernen, als er von meiner? 

Ich muss ihm nichts beibringen, nein, er soll seine Potentiale entfalten, frei sein und seine Kindheit genießen. 

Kann er das so? Ich weiß es ehrlich nicht. Warum soll er denn um 10:15 malen und um 10:16 damit aufhören, weil jetzt Gartenzeit ist? Was, wenn er gerne das Bild beenden möchte? Oder lieber springt, singt und auf Pölstern hüpft? Das ist leider nicht erlaubt. Steht auf den Schildern an der Wand, die alle mit dem Wort „NEIN“ beginnen.

Mein Herz schmerzt. 

Das, was mir so weh tut, ist das Gefühl mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Das Gefühl, der Ohnmacht. Zu glauben, dass man keine Wahl hat. Dass der Job sonst weg ist, wenn man nicht gleich wieder arbeiten geht. Oder – auch möglich – dass man es gar nicht hinterfragt, ob es für einen selbst passend ist, nur weil es alle so machen. Dass wir funktionieren und nicht hinhören, wenn uns etwas falsch vorkommt. Dass wir Tränen manchmal nicht nur wegwischen, sondern sie nicht mal hochkommen lassen. Sie runterschlucken und weitermachen.

Wann dürfen wir denn beginnen zu entscheiden, WIE wir leben wollen, anstatt uns externen Faktoren und Konditionen anzupassen? Wann entscheiden wir selbst, ob es für unser Kind (jedes kann nämlich anders sein) der richtige Zeitpunkt ist in den Kindergarten zu gehen, fernab von gesellschaftlichem Druck (die Bandbreite und Verurteilung ist groß) und Arbeitsdoktrin? 

Wann leben wir so wie wir WOLLEN und nicht wie wir MÜSSEN? 

Dabei denke ich noch an den Zettel, den mir eine Betreuerin heute im Kindergarten überreicht hat. Von dem „Berliner Modell“ ist da die Rede. Vom Trennungsversuch am 3.Tag. Worte, die zwar in mein System, aber nicht in mein Herz vordringen. Worte, die für mich keinen Sinn ergeben. Was soll denn getrennt werden und warum? Und vor allem, warum denn am 3.Tag? Was ist denn am 2. oder 4. anders? Alles Gedanken, die ich habe. Sie kreisen und bringen mich fast um den Verstand. Vielleicht soll ich ihn auch verlieren. Den Verstand. 

Mein Herz schmerzt. 

Ich merke, wie mir eine kalte Träne über die Wange kullert. Ich wische sie nicht weg. Ich schlucke sie nicht hinunter. 

Ich gebe auf. Es sind keine Flocken mehr zu sehen. Zu dunkel ist es draußen geworden. Zu dunkel und kalt. Wir stehen auf und machen uns bald fertig. Wir sollten früh schlafen gehen. Morgen ist ein neuer Tag, an dem wir uns an den Kindergarten gewöhnen können. 

Ganz ungewöhnlich – nämlich selbstbestimmt und aus dem Herzen heraus. Und in unserem Tempo.

Den Zettel habe ich lächelnd der Betreuerin retourniert und gemeint, dass wir unser Modell bevorzugen. Dass mir mein Sohn selbst signalisiert und mitteilt, wann es ok ist, dass ich gehe. Dass wir niemals getrennt sind und ich für ihn immer da sein werde, wenn er mich braucht. Dass ich ihm in seiner Kindergartenzeit das Beste wünsche und im Herzen die Zuversicht und das vollste Vertrauen in ihn und in alle in seiner Umgebung habe. 

Ich schaue meinen Sohn an und mein Herz schmerzt nicht mehr. Alles ist gut.

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