Login form protected by Login LockDown.


*Triggerwarnung für Betroffene von Essstörungen.

Von Cathleen Gube. Ich möchte Menschen erreichen, die unter Essstörungen, jahrelangen Diäten, Selbstzweifeln und Körperablehnung leiden. Mit meiner Stimme möchte ich einer Gesellschaft entgegenwirken, die Diäten befürwortet und mit einem unrealistischen Schönheits- und Körperideal wirbt.  

Ab wann beginnt ein Essproblem? 

Ich glaube, dass viele leiden, doch sie sind sich dessen nicht bewusst oder spielen ihre anfänglichen krankhaften Symptome herunter.

Aus meiner Erfahrung sind Warnsignale, wenn du:
  • jederzeit an Essen denkst
  • ständig Kalorien zählst.
  • Lebensmittel in gut und schlecht einteilst.
  • Ängste und Anspannungen erlebst, wenn es um Essen geht.
  • in Form von exzessivem Sport deine Mahlzeiten kompensierst.
  • Essen als emotionalen Ausgleich verwendest und du dich häufig stark überisst, weil du das Gefühl hast, dich nicht mehr stoppen zu können.
  • dich immerzu in der Nahrungsaufnahme begrenzst, weil du auf deinen Verstand hört, statt deinem Körper zu vertrauen.

Wenn eins oder mehrere dieser Warnsignale bei einem zutreffen, dann ist Essen bereits zu einer Bewältigungsstrategie geworden, die sich verselbstständigt hat. Essen bedeutet Genuss und Freude. Es ist überhaupt kein Problem, wenn man manchmal aus emotionalen Gründen isst, weil man sich in guter Gesellschaft befindet oder man in guter Stimmung ist. Doch wenn Essen die einzige Methode ist, die wir haben, um emotionale Fülle und Freude ins uns zu schaffen, dann braucht man Unterstützung.

Ich und die Essstörung 

Wie auch viele anderen Mädchen und Frauen habe ich in meiner Kindheit Gewalt und Alkoholismus erlebt. Die ersten zwölf Jahre unseres Lebens sind entscheidend für unsere Persönlichkeit. Sie entscheiden, wie wir das Erwachsenwerden erleben und später unser Leben gestalten. Ich verstand lange nicht, weshalb ich oft so lustlos, desinteressiert und orientierungslos war. Hinzu kam, dass ich mich die meiste Zeit überflüssig und unsicher fühlte, weil ich fest davon überzeugt war, dass mich jeder dumm findet. 

Nach außen hin zeigte ich das nicht. Ich versuchte immer cool und unabhängig zu wirken. Als Teenager fing ich an, an meinem Körper Makel zu finden und mit Anfang 20 war ich in der Essstörung komplett gefangen.

Der Tag begann mit dem Weg auf die Waage und die Zahl entschied über meine Laune und meinen Tagesablauf. 

Ich hatte so viele Diäten probiert und war jedes Mal deprimiert, wenn ich wieder scheiterte. So dachte ich: „Du bist nicht mal fähig, eine ordentliche Diät durchzuhalten.“ Ein letztes Mal wollte ich es “richtig“ durchziehen und aß so gut wie nichts mehr. Zusätzlich machte ich Sport bis zur körperlichen Erschöpfung. Diesmal klappte es und ich verlor innerhalb von drei Monaten fast 20 Kilo. Endlich hatte ich es geschafft. Ich war dünn! Jetzt würde alles gut werden, denn zum ersten Mal hatte ich mein Ziel erreicht. 

Damals hätte ich alles dafür getan, um endlich dünn zu sein. Meine Gesundheit war mir total egal. Ich trank kaum noch etwas. Höchstens zwei Gläser am Tag. In dieser Zeit nahm ich Flüssigkeit überwiegend in Form von Alkohol zu mir. Ich fühlte mich verloren, deswegen betrank ich mich an den Wochenenden regelmäßig. Das einzige, was mir in dieser Zeit Spaß machte, war es mich und meine Gefühle zu betäuben. 

Ich war gefangen im Teufelskreis.

Es dauerte nicht lange und ich rutschte vom “Nichts-Essen“ in das “Ständig-Fressen“ und irgendwann kam das Kotzen dazu, denn ich wollte niemals wieder zunehmen. Somit war ich gefangen im Teufelskreis von fressen, kotzen und hungern. Am Anfang meiner Bulimie war ich total happy, denn endlich konnte ich essen, was ich wollte, ohne dick zu werden. 

Etwas später bemerkte ich, dass das Fressen und Kotzen ziemlich ätzend ist, aber da war mir noch lang nicht bewusst in welcher ernsten Lage ich mich befinde. Irgendwann wurde mir dann doch klar, wie krank ich bin und das machte mir große Angst. Denn in meinem Kopf war dieser Glaubenssatz fest verankert: „Esse ich normal, nehme ich stetig zu.“ Da ich schon so viele Jahre ein gestörtes Essverhalten hatte, hatte ich den Bezug zum normalen Essen total verloren. 

Ich wusste einfach nicht mehr, was kann ich essen? Wie viel? Wie oft?

Ich fühlte mich hilflos und der Essstörung ausgeliefert. Ich wusste nicht, wie ich da jemals herauskommen sollte. Zu meinem Glück begann ich eine Therapie. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartet und hatte viel Angst, denn die Esstörung wollte ich unbedingt behalten. Ich hasste sie, aber ich brauchte sie noch. 

Heute weiß ich, dass der Veränderungs- und Heilungsprozess Zeit braucht. Es ist nicht der eine Befreiungsschlag und von da an ist alles wieder gut. Jeder noch so kleine Schritt Richtung Heilung ist bedeutend. Alles, so wie es gekommen ist, war richtig für mein Leben. Ich weiss, dass es jeder aus der Esstörung schaffen kann, denn ich habe es auch geschafft.

Was hat sich seitdem verändert?

Ich habe mein Umfeld und den Wohnort gewechselt. Ich achte auf mich und weiß jetzt, was ich brauche, um glücklich und zufrieden zu sein. Durch die Essstörung gewann ich meine eigene Familie dazu. Ich fühle mich wieder lebendig und freue mich morgens aus dem Bett zu steigen. Hinzu kommt, dass sich meine Einstellung zu mir geändert hat, denn ich möchte gut zu mir sein. 

Schluss mit Bestrafungen und Beschimpfungen. Ich habe mir und allen anderen verziehen. Ich mag mich und ich mag mehr und mehr mein Denken über mich. Ich mag wie entspannter meine Sicht auf andere Dinge geworden ist. 

Es gibt so viel Positives, was sich aus der Essstörung entwickelt hat, weil sie mich aufgefordert hat, mich zu finden.

Ich habe meine Berufung gefunden, die ich mit Leidenschaft lebe. Ich bin viel mehr in der Natur und kann Momente wirklich fühlen. Und ich kann sie genießen. Trotzdem habe auch ich Momente, an denen sich mein Leben schwer anfühlt, obwohl es das nicht ist. Aber es sind keine Tage, keine Wochen mehr. 

Dann verdränge ich meine Gedanken und Gefühle nicht, indem ich mich betäube, sondern ich schaue mir an, was los ist. Mein Leben fühlt sich im Gleichgewicht an und es gehören auch die nicht so tollen Zeiten dazu. Das ist ganz normal. 

Der Sinn meiner Essstörung 

Der Sinn meiner Essstörung lag darin, wieder zu mir zu finden. Herauszufinden, wer ich bin und was ich brauche, um glücklich zu sein. Innerlich verspürte ich den großen Drang, mich zu finden. Das habe ich dank meiner Essstörung geschafft, da sie mich herausforderte. Sie machte es mir sehr unbequem. Persönliche Weiterentwicklung findet außerhalb unserer Komfortzone statt, außerhalb von dem, was wir täglich denken und tun. 

Das möchte ich anderen weitergeben: 

Die Essstörung ist nicht das ursprüngliche Problem, sie zeigt nur auf, dass wir nicht unser wahres Ich leben. Wenn wir lernen uns zu verstehen und uns mehr und mehr erlauben, gut zu uns zu sein, können wir frei und selbstbestimmt das eigene Leben gestalten. Um langfristig gesund zu sein, müssen wir unsere Gefühlen Raum geben. Wir können uns aus unseren negativen Emotionen nicht hinausdenken.

Wir haben nur dieses eine Leben. Dieses ist zu kurz, um zu leiden.

Du entscheidest, welches Leben du wählst. Wenn man sich für das Leben entscheidet, dann kann es jeder aus einer Essstörung schaffen. Jeder! Davon bin ich fest überzeugt. Lass dich nicht von Rückschlägen aufhalten, denn die gehören zur Heilung dazu. Mach immer weiter bis du es irgendwann geschafft hast und nimm Hilfe in Anspruch. Es ist wichtig einen Menschen an seiner Seite zu haben, der einem andere Sichtweisen aufzeigt. Der einem zeigt, dass das Leben nicht so aussichtslos ist. Das Leben kann wunderbar werden. Du kannst die Vergangenheit nicht ändern. Sie gehört zu dir. Sie hat dich stark gemacht, um ein Leben in Frieden und nicht im Kampf führen zu können.

Für Betroffene ist es wichtig, sich professionelle Unterstützung zu suchen. Cathleen Gube kann Betroffenen Wege aus der Essstörung aufzeigen. Weitere Unterstützung Online: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) oder AEShilft 

%d Bloggern gefällt das: