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Mit dem ersten Schritt, den ich auf die Straßen von Delhi gesetzt habe, habe ich die geheimnisvolle Besonderheit Indiens in mich aufgesogen. Damals hatte ich keine Ahnung, dass ich hier ein halbes Jahr bleiben würde. Dass ich hier in eine mystische Welt eintauchen und lernen würde, was ein bewusstes, ein präsentes Leben bedeutet.

Auf jeder Reise nimmt man Erkenntnisse für sich mit, wenn man mit offenem Herzen geht.

Indien ist dafür bekannt, dass die Einsichten, die man auf einer Reise mitnimmt, tiefer greifen. Auch deshalb habe ich mich entschlossen, in diese komplett andere Welt einzutauchen, die mit meinem bisherigen Leben nichts zu tun hat. Bereits nach zwei Wochen Urlaub, gibt einem Indien etwas mit auf den Weg. Zum Beispiel, dass die Menschen hier sehr arm sind. Dass das aber nicht unbedingt bedeutet, dass sie unglücklich sind. Dass es viele Menschen sind. Und die herrlichen und auch abstoßenden Gerüche, die einen zu jeder Zeit begleiten.

Indien ist extrem groß. Mit 1,3 Milliarden Einwohnern folgt es China als zweiteinwohnerstärkstes Land nach. Es wäre falsch ganz Indien in einen Topf zu werfen. Jeder Bundesstaat innerhalb Indiens ist anders, hat seinen eigenen Ruf, seine eigene Geschichte. Die Vielfältigkeit bemerkte ich schon an einem der ersten Tage, als ich in den Old Bazar in Dehli eingetaucht bin.

Indien fühlt sich weiblich an. Es gibt mir eine Pause vom leistungsorientierten Denken meiner Welt zu Hause.

Die indische Kultur hat sich für mich weiblich angefühlt. Ich gebe zu die Unterscheidung – weiblich und männlich – passt nicht ganz und ich mag sie eigentlich auch nicht. Denn wir alle tragen männliche und weibliche Teile in uns. Das weibliche ist das runde, aufnehmende, das zarte und nachgebende. Während das männliche, das leistungsorientierte und kämpferische darstellt.

Hofstede verwendet die Maskulinität als eine Vergleichsdimension für Ländern. Sie schreiben: “The fundamental issue here is what motivates people, wanting to be the best (Masculine) or liking what you do (Feminine).” (Hofstede Insights). Sie weisen Indien als maskulines Land aus (56). Mein Gefühl deckt sich also nicht mit den wissenschaftlichen Ergebnissen. Verglichen mit den USA (62), Deutschland (66) oder insbesondere Österreich (79), ist es doch deutlich geringer.

Aus Österreich kommend habe ich jedoch einen Unterschied gemerkt. Nicht nur, dass sich Männer gegenseitig umarmen. Alles wirkt runder und farbenfroher. Der Müßiggang wird hier gehuldigt. Das Nichtstun ist in Indien etwas Erstrebenswertes. Das entspannt. Die Entspannung schwappt schnell auf einen über. Man entkommt dem nicht. Wird automatisch langsamer. Bewusster.

In Indien wird der Müßigang gehuldigt. Ansehen bekommt hier, wer Zeit hat.

Der Kampf jeden Tag mehr zu erreichen, der im Westen geführt wird, findet hier nicht in der Form statt. Mein Vermieter in Goa bleibt zu Hause bei den Kindern, flechtet seiner Tochter jeden Tag einen Zopf. Sie gibt ihm dabei konkrete Anweisungen. Familie hat einen sehr hohen Stellenwert. Die Söhne bleiben bei ihren Müttern. Die Wurzeln sind stark.

Taj Mahal Indien - Edition Glueck
Die Trophäe eines jeden Indien-Reisenden – Ein Bild vor dem Taj Mahal

Ansehen bekommt hier, wer Zeit hat. In Westeuropa ist es der volle Terminkalender, der einem Prestige bringt. Der Leistungsgedanke steht im Vordergrund. Man muss hart arbeiten, um etwas zu werden. In Indien ist man etwas – was auch immer das ist – mit der Geburt. Gerade dieser Aspekt, der ja mit dem Kastensystem kommt, bringt mit Sicherheit auch genug Beklagenswertes mit sich. Und trotzdem, der Grundgedanke, dass man sich nicht beweisen muss, ist ein schöner, den ich für mich mitgenommen habe.

Das Glauben an Wunder macht Indien besonders. Wunder werden hier nicht als kindliche Illusion abgetan.

Ich habe das Gefühl, die Menschen sind kindlicher und verspielter. Sie lassen Wunder zu. Geben ihnen Raum und erkennen sie als solche an. Vielleicht ist es aber auch das Repressive. Das nicht-aufgeklärte, das auf mich jugendhaft wirkt.

Indien ist geprägt von einer Doppelmoral. Sie zieht sich durch alle Schichten. Junge Pärchen lassen sich nicht scheiden um den Schein vor den Eltern aufrecht zu erhalten, leben heimlich mit neuen Partnern. Auch solche die von der Freiheit und Freizügigkeit in Osho’s Ashram gekostet haben, trauen sich oft nicht, ihre Hindu-Familien damit anzustecken. Ihre Schwestern werden zu Hause gelassen, wenn die jungen Männergruppen zum Trinken und weiße Frauen-anstarren ins vermeintliche Partyeldorado Goa kommen. Sie erfreuen sich an den knappen Bikinis, verurteilen es aber zugleich.

Manche lehnen ihr „indisch“ sein. Versuchen den Lebensstil der Europäer nachzuahmen. Die weiße Haut wird allerorts gehuldigt. Ich habe mehrere Fotos von Schulklassen mit mir. Die Unterkunft wird lieber nicht an die eigenen Landsleute weitergegeben. Weiße Mieter werden bevorzugt. Auch das gehört zu Indien.

Indien ist der örtliche Kontenpunkt der Spiritualität. Ihr zarter Duft überzieht das ganze Land.

Was Indien für mich einzigartig macht ist der zarte Duft der Spiritualität, der das gesamte Land überzieht. Es ist ein so mystisches Land. In Goa gibt es Christen und Hindus. Beide Gruppen leben ihren Glauben, tragen ihn vor sich her, wie ich es in Westeuropa selten sehe. Dann gibt es die Yoga-Studenten, die Gurus, die einem an jeder Ecke begegnen und die heiligen Kühe. Sich hier keine Gedanken über das Leben zu machen und sich die Fragen zu stellen „woher kommen wir“ oder „wohin gehen wir“ schafft wohl nur ein Eisblock.

Die Menschen hier sind auf der Suche. Meister findet man hinter jeder Ecke.

Indien macht auch der Kult um geistige Meister oder die Verehrung von Lehrern aus. Osho war in den 90er Jahren der einflussreichste Guru. Zu Tausenden haben sich ihm Inder und Menschen aus der ganzen Welt angehängt. In seinem Ashram ging es um die Freiheit, den Aufbruch des alten Systems und um den Weg zur Erleuchtung. Oshos gilt als kontroversiell. Das konservative Indien hat seine Anziehungskraft argwöhnisch betrachtet. Seine Oldtimer-Sammlung gab dem Kult um ihn einen bitteren Nachgeschmack. In Goa trifft man seine Anhänger. Sie sind ewig-jungebliebene aber auch ewig-Suchende. Erwachsen-werden ist schwer.

Aktuell ist es Sadhguru, der größere Massen anzieht. Die Menschen hier sind auf der Suche und sie finden ihre Meister an vielen Ecken. Als Yoga Lehrer oder als asketischen Bettler. Oder auch in einem Gespräch mit einem Fremden bei einem Chai. Auch der Sonnenuntergang auf den Stränden von Goa, bei denen die Sonne jeden Abend im Meer verschwindet, kann einem das erhoffte Zeichen geben. In Indien huldigt man die Menschen und die Natur, die einem etwas beibringen. Dabei geht es weniger um das „Handfeste“, das bei uns so wichtig ist. Sondern viel mehr um das gute, bewusste Leben, das Überwinden von Leid, die spirituelle Praxis und wie es möglich ist, die universelle Einheit zu sehen und zu erreichen.

Indien und seine heiligen Kühe
Indien und seine heiligen Kühe

Yoga ist mehr als Work-Out. In seiner reinsten Form kann es uns zu unserem wahren Selbst führen.

Jetzt bin ich zurück aus dieser Mystik und bin auch froh wieder hier zu sein. Noch immer bin ich in Wien auf der Suche nach echtem Yoga-Unterricht. Bei dem nicht allein das körperliche Workout und der Wettbewerb im Vordergrund stehen. Und ich bin auf der Suche nach einem richtigen guten Chai. Ich vermisse Indien. Es wird mich bald wieder sehen. In der Zwischenzeit fließen tiefgehende Mantra-Gesänge durch meine Wohnung und der Duft von Räucherstäbchen.

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