Login form protected by Login LockDown.


Zehn Tage meditieren und dabei nicht sprechen? Ich habe es gewagt und meine Erkenntnisse hier aufgeschrieben.

Kurz entschlossen und ohne große Erwartungen melde ich mich für den 10-tägigen Vipassana-Kurs an. Mein Umfeld reagiert neugierig und teilweise verständnislos – “Warum zehn Tage nicht sprechen?” Das tagelange Schweigen ist das Hauptthema in Gesprächen davor. Im Vipassana geht es vor allem darum, die buddhistischen Meditationsarten Anapana und Vipassana in der Tiefe zu erlernen und die buddhistischen Wahrheiten zu erfahren. 

Warum zehn Tage nicht sprechen?

Zwei Tage vor meiner Abreise nach Kärnten, wo der Kurs nach Tradition von Sayagyi U Ba Khin und Mutter Sayamagyi stattfindet, werde ich nervös. Es gibt einen strengen, immer gleichen, Tagesablauf. Neben dem schweigen darf man nicht lesen und nicht schreiben. Soll ich doch absagen?

Vor 1,5 Jahren habe ich am Strand von Goa zum ersten Mal von Vipassana gehört. Ich war sehr neugierig, immerhin meditiere ich seit 10 Jahren mehr oder weniger regelmäßig. Trotzdem war ich damals nicht bereit mich tatsächlich dazu zu entschließen – aber der Samen war gepflanzt.

Vipassana is the art of living. Not the art of escaping.

S.N. Goenka

In Indien bin ich danach immer wieder auf das Thema Vipassana gestoßen – viele Aussteiger hatten es entweder schon gemacht oder gerade in Planung. Mein indischer Yoga-Lehrer war von dem Hype wenig begeistert – für ihn sei Vipassana eine Art Selbstpeinigung vor allem für jene Menschen, die ihre “Monkey Mind” – also ihren Verstand – noch nicht unter ihre Kontrolle gebracht hätten. Diese Aussage kommt mir kurz vor dem Vipassana wieder in Erinnerung – bin ich überhaupt bereit dazu? Egal, ich wage es.

Bin ich bereit für Vipassana?

Das International Meditation Center liegt auf einem kleinen idyllischen Hügel in der Nähe von Klagenfurt. Man blickt auf eine satte Naturlandschaft und am Horizont sind die Karawanken zu erkennen. Es empfängt mich eine liebevolle Gastfreundschaft. Ich fühle mich sofort wohl. Auch beflügelt, es überkommt mich eine freudige Aufregung, wie vor einer großen Reise.

Vipassana – das ist auch sich darüber klar werden, wie der Verstand funktioniert und welche Gedanken vorherrschen

Am Abend meditieren wir zum ersten Mal in der Meditionshalle, in der ganz vorne große Bilder von den Lehrern angebracht sind und viele Plastikblumen zur Verehrung. Ein Lehrer sitzt vorne und erklärt unaufgeregt was zu tun ist. Die Meditationstechnik ist so ganz anders, als was ich bissher gekannt habe. Es fällt mir schwer mich darauf einzulassen.

The only conversion involved in Vipassana is from misery to happiness, from bondage to liberation.

S.N. Goenka

Die ersten Tage lernt man die Anapana Meditation, bei der man sich auf den ein- und ausströmenden Atem konzentriert. Dabei soll der Verstand zur Ruhe kommen. Danach geht es bei der Vipassana Meditation darum, zu erkennen und wahrlich zu erleben, dass alles Veränderung ist. Dass wir selbst uns konstant verändern.

Ich lerne das Funktionieren meines Kopfes neu kennen. Durch das Schweigen – bei allem was ich tue: essen, putzen, Spazierengehen – erkenne ich, welches überhaupt meine Gedanken sind und wodurch sie geprägt sind. Ich sehe wo mein Ego Herausforderungen hat – Bin ich auf das außen fokussiert? Regen mich die zwei auf, die in ihrem Zimmer andauernd das Schweigen brechen? Halte ich es aus, mit vier fremden Menschen in einem winzigen Zimmer zu schlafen?

Ich alleine gebe allem was passiert die Bedeutung.

Ich sehe, dass sich alles in mir abspielt. Egal was im außen passiert. Ich alleine gebe allem die Bedeutung. Diese Erfahrung bringt Klarheit und auch das Gefühl von Selbstwirksamkeit. Man erkennt, dass nur man selbst sich Zuflucht geben kann.

The world is facing serious problems. It is just the right time for everyone to take to Vipassana meditation and learn how to find a deep pool of quiet in the midst of all that is happening today.

Sayagyi U Ba Khin

Manche Stunden sind hart. Ich erinnere mich an den Film “Täglich grüßt das Murmeltier”. Jeden Tag ist alles gleich. Ich fühle mich eingesperrt. Ich überlege hinzuschmeißen und das noch am 8. Tag in der Früh. Doch ich habe gelernt, dass die schweren Stunden vorübergehen, wenn man nicht daran festhält. Wie im Leben, die Gefühle ziehen vorbei und ändern sich stündlich.

Ich lerne – Gefühle und Gedanken ziehen vorbei wenn ich sie loslasse.

Und dann passiert es. Am Nachmittag des 8. Tages erfahre ich die Lehre dann tatsächlich praktisch – mit meinem Körper und allen Sinnen. Ich spüre, dass mein Körper aus sich ständig bewegenden Teilchen besteht, alles schwingt und vibriert. In der Meditationspause spaziere ich in den Wald und fühle mich eins mit allem.

Alles ist von Veränderung und Unbeständigkeit geprägt.

Ich habe einen tiefen Einblick in die buddhistische Tradition bekommen. Die Kernaussage: Alles ist Veränderung. Anhaftung führt zu Leid. Wenn wir das wahrhaftig erkennen, sind wir frei.

Everything changes, nothing remains without change.

Buddha

Es geht in unserer modernen Welt oft darum permanent aktiv zu sein. Es ist wie ein Fluchtreflex vor etwas das uns Angst macht. Unser Verstand wird konstant gebraucht, ja er übernimmt sogar die Überhand. Die zehn Tage fühlen sich wie ein Durchlüften dieses immer aktiven Verstandes an.

Den Verstand zur Ruhe bringen fühlt sich wie ein befreiendes Durchlüften an.

Ich bin erfüllt mit dieser besonderen Erfahrung. Es war eine Überwindung und nicht einfach, aber ich habe Dinge, die mir intellektuell einleuchten, auch tatsächlich erfahren können. Trotzdem bin ich erleichtert als ich das Center nach zehn Tagen verlasse und hinter mir lasse. Am nächsten Tag klingelt der Wecker nicht mehr um vier Uhr, und das ist gut so.

Wenn du bereit bist, kommt es auf dich zu.

Ob ich es jemandem empfehlen würde? Nein. Jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er bereit ist. Themen, die davor nicht aufgearbeitet wurden können ans Tageslicht treten und einige haben mittendrin abgebrochen. Ich würde es nicht erzwingen und ich denke, wenn du dafür bereit bist, kommt es auf dich zu…

If you are quiet enough, you will hear the flow of the universe. You will feel its rhythm. Go with this flow. Happiness lies ahead. Meditation is key.

Buddha
%d Bloggern gefällt das: