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Wie mir ein blöder Fahrradsturz gezeigt hat, was wir alle in der Hektik des Lebens manchmal aus den Augen verlieren. Der tägliche Stress lässt uns Dinge übersehen, die wir uns eigentlich immer wieder in Erinnerung rufen sollten. Das Leben ist zeitlich begrenzt. Viele Momente und Möglichkeiten kommen nicht wieder. Vieles, das passiert, können wir nicht beeinflussen, vieles aber schon und das sollten wir auch bewusst tun. Eine positive Einstellung und Geduld helfen in vielen Situationen weiter.

Vier Wochen ohne klaren Kopf. Die letzten Wochen haben mich wieder einmal gelehrt, dass jede gesunde Sekunde ein großes Geschenk ist. Ich bin mit dem Rad gestürzt und die Symptome meiner Gehirnerschütterung bzw. meines Schädel-Hirn-Traumas haben, für mich unerwartet, sehr lange angedauert. Das bedeutet sich schonen, liegen, nichts tun, kein Computer, keine Serien und keine Bücher. Meine Freiheit wurde von einen auf den anderen Moment beschnitten. Keine große Sache eigentlich. Im Gegensatz zu den vielen grauenvollen Unglücken, die jede Sekunde passieren. Und trotzdem: Es fühlt sich wie ein Gefängnis aber auch wie ein Weckruf an.

1.   Aufwachen! Wir haben nur ein Leben. Leben wir in vollen Zügen in der Zeit, die wir haben.

Die Ungeduld meine Freiheit endlich wieder zu gewinnen war zuerst sehr laut, dann habe ich es akzeptiert, aber mein Lebensdurst ist jetzt stärker als zuvor. Es ist, als würde mir das Leben zeigen – verschwende mich nicht. Wenn plötzlich gar nichts mehr geht, auch keine sportliche Betätigung, blicke ich sogar mit Freude an meinen inneren Schweinehund zurück, der noch vor ein paar Tagen mein größtes Problem war.

Ich denke, dass wir manchmal viel zu viel Zeit verstreichen lassen und Wichtiges aufschieben. Sicher, Gutes braucht Zeit, aber manchmal verzögern wir das Leben wissenden Auges. Ich bin noch jung und habe noch viel Zeit. Der Gedanke ist beruhigend aber auch täuschend. Weil jeder Tag, den du nicht für dich sinnvoll nutzt, reiht sich in dein Leben ein – eben als ungenutzter Tag. Ich denke nicht, dass wir von einem Erlebnis zum nächsten hetzen sollten, aber den bewussten Umgang mit der Zeit, die wir haben, sollten wir uns immer wieder in Erinnerung rufen. Wenn du in eine Phase kommst, in der du nichts ändern kannst, musst du paralysiert zugeben, dass es jetzt einfach andere Dinge gibt, die wichtiger sind, als das was du geplant hast.

2.   Manche Dinge brauchen Zeit. Hab Geduld, auch wenn du am liebsten alles auf einmal machen willst.

Nach nur drei Tagen Bettruhe werde ich nervös. Ich denke, dass etwas mit mir nicht stimmt. Google sagt mir dass die meisten Gehirnerschütterungen nach 3 Tagen vorbei sind. Aber es bleibt noch viele Tage so – jeder kleinere Ausflug strengt an und wirft mich zurück. Ich muss zugeben, dass mein Körper leider keine Maschine ist. Die Erholung braucht Zeit.

Vieles dreht sich heute sehr viel schneller als früher. Doch Geduld zu haben, kann eine große Gabe sein. Im Job-Interview kokettieren wir bei der Schwäche-Frage „Ich bin ungeduldig, will, dass alles ganz schnell geht“. Aber, in vielen Situationen hilft einen das Drängen ganz und gar nicht weiter und es macht einen auch unglücklich. Vieles geht nicht schneller aber auch viele Entscheidungen müssen reifen und brauchen Zeit. Sonst lassen wir uns auf Dinge ein, zu denen wir ohne das Drängen nein sagen würden und die uns später unglücklich machen.

3.   Akzeptiere, dass du nicht alles beeinflussen kannst.

Mir ist bewusst geworden, dass sich von einem auf den anderen Tag alles ändern kann. Auch wenn ich das schon zuvor in meinem Leben erfahren habe, so war es für mich gerade sehr weit weg. Fast vergessen. Sicher, dieser blöde Fahrradsturz war ein kleiner Eingriff in mein Leben, vor allem im Gegensatz zu größeren Unglücken, die jede Sekunde überall auf dieser Welt passieren. Trotzdem hat er mir gezeigt, dass ich eben nicht alles selbst in der Hand habe.

Und wie Theologie Reinhold Niebuhr es ausdrückt

„Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Auch wenn ich innerlich rebelliere, so muss ich erkennen, dass ich viele Umstände nicht beeinflussen kann – aber ich kann mich zum Beispiel ausgiebig schonen, damit ich bald wieder ohne Kopfschmerzen denken kann.

4.   Abgedroschen aber es stimmt. Lebe im Moment!

Ich versuche im Wissen zu leben, dass der Tod zum Leben gehört und gewiss ist. Das mag düster klingen, aber für mich ist der Gedanke nicht nur aufrüttelnd sondern auch beruhigend. Ohne das Ende ist hier alles nichts. Kein Moment, keine Entscheidung wäre von Bedeutung.

Ich habe keine Ahnung worum es hier eigentlich geht, aber es macht für mich Sinn, schöne Momente zu sammeln und diese in vollem Bewusstsein zu erleben. Gerade das ist mir in den letzten Wochen noch viel bewusster geworden. Wenn einem die Hände gebunden sind, bleiben einem nur die „What-ifs“ und dann will man nichts anderes als sich vollkommen ins Leben zu stürzen, ohne Schwimmreifen (aber mit Fahrradhelm).

5.   Hoffe und begegne dem neuen Tag mit Freude.

Ich bin dankbar für alles Gute und auch ein wenig für das Schlechte, das ich in meinem Leben gekreuzt habe, weil es mich geformt und stärker gemacht hat. Weil es mich immer weiter zu mir selbst gebracht hat. Ich kann die letzten Wochen in denen ich mich eingesperrt gefühlt habe etwas Positives abgewinnen. Das Leben hat mich durch ein paar graue Tage geschickt, um mir zu zeigen, dass es so unendlich einzigartig ist und wie wundervoll es ist, wenn man es mit voller Aufmerksamkeit und Freude wahrnehmen kann. Ohne Einschränkungen.

Jeden Tag beim Aufwachen habe ich als erstes gefühlt, ob die Kopfschmerzen noch da sind Ich habe immer auf einen frischen Start gehofft. Ich kann die Augen öffnen als Optimist oder als Pessimist. Das ist zu einem gewissen Teil meine Entscheidung. Es war auch schön zu sehen, dass mich meine Freunde Tag für Tag aufgemuntert haben und nach wochenlangem Jammern immer noch nicht genug von mir hatten. An einem Tag bin ich dann endlich aufgewacht und es war weg und zu allererst habe ich eine Einladung an meine Freunde geschickt – lasst uns das Leben feiern.

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