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Ihre Augen waren ruhig und sanft, als sie mich anblickt und mit ihrem sehr mütterlichen, souveränen Ton meinte: „Jetzt habe ich Sie zum 1. Mal richtig wütend erlebt“. Meine Wangen sind tiefrot gefärbt und mein Herz pocht wild. Ich konnte die Worte meiner Therapeutin zunächst gar nicht begreifen, war ich noch zu sehr mit der Emotionswelle, die mich gerade ergriffen hatte, beschäftigt. 

Sie hatte recht. Ich war wütend. Und wie. 

Verwirrt verließ ich die Praxis. Mein T-Shirt war nass von den geweinten Tränen, die Augen noch immer feucht. Ich fühlte mich wie von einem Hurricane ergriffen und war wackelig auf den Beinen. Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf. Und keinen einzigen konnte ich klar denken. 

Damals war ich 34 Jahre alt. Und auch wenn es noch nicht so lange her ist, 4 Jahre um genau zu sein, erscheint es mir, als liege eine Ewigkeit zwischen diesem Moment und heute. Mein Leben war damals noch ein komplett anderes: ich war kinderlos, arbeitete in einer Beratung und absolvierte nebenbei das Psychotherapeutische Propädeutikum. Ich sammelte Erfahrung in Selbsterfahrung mit verschiedenen Therapierichtungen und schnupperte mich durch die herrliche Landschaft der Psychotherapie. 

Die Angst vor Emotionen

So auch an diesem besagten Tag, der im Nachhinein sehr viel verändert hat. Eine Tür wurde geöffnet, die Jahre lang geschlossen war. Der Zugang zu meinen Emotionen, zu meiner Wut. Rückblickend muss ich sagen, dass ich damals mit Sicherheit nicht zum ersten Mal wütend war. Nein, die Emotion WUT kannte ich nur zu gut. Was aber den entscheidenden Unterschied machte, war, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben meine Wut rausgelassen habe. Sie verbalisiert, ja sogar kanalisiert habe. Welch großes Gefühl! 

Und beängstigend. Sehr sogar. 

Woher kommt das? 

Die Angst vor Emotionen. Haben wir nicht gelernt damit umzugehen? Mit den eigenen Gefühlen, die wir fühlen? Und wenn nein, warum nicht? Wofür fürchten wir uns? Warum teilen wir Emotionen in „gute“ und „schlechte“ Gefühle ein und wollen die unangenehmen nicht spüren? Und verpassen wir dadurch nicht die einzigartigen Lektionen des Lebens? Stellen Gefühle nicht eine Art Einladung dar, unsere Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Thema zu lenken und zeigen uns dadurch unser größtes Wachstumspotential?  

Was genau wollen wir vermeiden, indem wir die Wut nicht zulassen? 

Ich denke ich hatte enorme Angst vor der Intensität meiner Gefühle. Die Vorstellung ihnen nicht Herr zu sein, von ihnen ergriffen und quasi verschluckt zu werden, Dinge zu sagen oder zu tun, die mir im Nachhinein leidtun, war zu erschreckend. Und doch konnte ich nicht wieder zurück in meine alten Verhaltensmuster. Die Tür zu meinen Emotionen stand offen, ob ich wollte oder nicht. 

Meine neu entdeckte Beziehung zur Wut konnte einige Jahre wachsen und gedeihen. Ich verstand meine Muster und fand Strategien und Methoden mit meinen Gefühlen umzugehen, ohne Scham und Schuld. Dann wurde ich Mutter und die Wut wurde auf ein neues Level gehoben. Elternwut ist, wie ich finde, ein komplett anderes Thema. Kinderwut übrigens auch. 

Wut bekam ein Upgrade sozusagen, eine Version 2.0.

Spätestens mit der Autonomiephase meines ersten Sohnes wusste ich, dass ich noch viel zu lernen hatte zu diesem Thema. Ich begab mich auf Terrain, von dem ich keine Ahnung hatte, widmete mich der Entwicklungspsychologie und lernte von präfrontalem Kortex, Reptiliengehirn und Impulskontrollen. Und trotzdem krachte es immer wieder. Es prallten 2 Welten aufeinander: Ich, die perfektionistisch angehauchte Mutter, die sich keine Fehler und schon gar keine emotionalen Ausrutscher verzeihen konnte, und er, der willensstarke 2-Jährige, für den die Welt unterging, weil er Gnocchi mit Parmesan haben wollte und auf den Gnocchi TATSÄCHLICH Parmesan war. Was sagt man denn einem kleinen Wesen, das lauthals brüllt „ICH WILL ABER!!!“ und dabei weint, als ob es kein Morgen mehr gibt. 

Gute Frage. 

Die beschriebene Episode mag sich lieblich anhören und ein „Ja mei, so sind sie die Kinder“ entlocken: Ja, ganz sicher sogar. In den meisten Fällen gelingt es mir auch die Wutausbrüche meiner Kinder zu begleiten und für sie ein sicherer Hafen zu sein. An diesem Tag nicht, denn da war meine Geduldsgrenze schon ausgereizt. Ich hatte bereits die Episoden, dass die Hose zu wenig bunt, der Aufenthalt am Spielplatz zu kurz, das Wasser zu kalt, die Badewanne zu rutschig, die Zahnpasta zu weiß war, begleitet. Ich war am Ende meiner Kräfte. Ich konnte nicht mehr. 

Ich merkte wie meine Wangen wieder tiefrot wurden und ich die aufsteigende Wut nicht kontrollieren konnte. Ich bekam Angst. Angst was als nächstes passieren würde/ könnte. 

Da war sie wieder: die Angst vor der Wut. 

Als ich spät abends verheult am Boden unserer Küche saß, fasste ich einen Entschluss: Ich wollte nie wieder das aufsteigende Wutgefühl panisch wahrnehmen und fluchtartig das Zimmer verlassen. Nie wieder wollte ich das Gefühl haben, meiner Wut nicht Herr zu sein. 

An diesem Tag ist nichts „Schlimmes“ passiert und doch war es für mich ein so einschneidendes Erlebnis, dass ich mir sicher war einen anderen Weg gehen zu müssen. Ich wollte raus aus der mütterlichen Schimpf-Scham-Schuld-Spirale und meinen Kindern einen gesunden Umgang mit Gefühlen vorleben. Nämlich einen, wo alle Gefühle sein dürfen, gleich gut sind und wahrgenommen bzw. angenommen werden. Wo Indianer Schmerzen kennen, Buben Tränen weinen und Mädchen wütend mit dem Fuß auf den Boden stampfen. Wo wir lauthals lachen und uns ängstlich aneinander kuscheln.

Wo wir einfach so sind wie wir sind, uns verstehen und dabei keine Angst vor unseren Gefühlen haben. 

Ich möchte hier anmerken, dass ich keinesfalls Wutausbrüche vor Kindern rechtfertigen möchte. Es liegt an mir als Erwachsener mit meinen Emotionen verantwortungsvoll umzugehen, um so meinen Sohn in seinen Gefühlsausbrüchen sicher begleiten zu können. Dennoch ist Elternwut, zumindest in meiner Welt, ein Thema und ich habe mich sehr lange dafür geschämt. Das schlechte Gewissen war mein ständiger Begleiter und hat mich daran erinnert, dass ich mich meilenweit von meinen Werten und Vorstellungen entfernt hatte. So wollte ich nicht weiter machen. Also habe ich mich für eine Ausfahrt aus der endlos langen Autobahn der Schuldgefühle entschieden. Ich habe mich erneut meiner Wut gewidmet und sie so auf einer ganz anderen Ebene kennengelernt. Dafür musste ich mir etwas Entscheidendes eingestehen.

Ich bin Mutter. 

Ich bin Mensch.

Ich habe Gefühle. 

Ich empfinde Wut.

Was den entscheidenden Unterschied in der Gleichung macht: Ich stelle mich meiner Wut. 

Ich nehme sie wahr und hinterfrage sie. Ich möchte verstehen, WARUM mich etwas auf die Palme bringt, denn die Gründe dafür (sogenannte Trigger) flüstern mir etwas sehr Wertvolles ins Ohr, wenn ich es schaffe, ihnen zuzuhören. Nur dadurch kann ich mich und meine Verhaltensweise besser verstehen, aus den Situationen lernen und sie künftig anders gestalten. Ich übernehme damit die Verantwortung, die ich als Mutter habe und bin nicht mehr Opfer meiner eigenen Gefühle, die ich nicht richtig kontrollieren kann. Das ist ein lebenslanger Lernprozess für mich, den ich nur zu gerne absolviere. Für mich. Für meine Kinder. Aus Liebe. 

Mit der damaligen Episode habe ich verstanden, dass hinter jedem Gefühl (und dabei ist es egal um welches es sich handelt) IMMER ein Bedürfnis steht. Hinter jeder Wut-Welle, die angerauscht kommt, steht der Wunsch nach irgendetwas. In meinem Fall war damals der Tank einfach schon leer (also der Wunsch nach Entspannung, Erholung). Ich hatte keine Geduld und Gelassenheit NOCH einen Wutausbruch zu begleiten. Im Fall meines Sohnes war es das Bedürfnis nach Autonomie, indem er seine Meinung ändern (also doch kein Parmesan) und selbst über sein Essen entscheiden wollte. Das darf sein. Wir alle dürfen eigene Bedürfnisse haben. Wir alle (und speziell Kinder) tun immer etwas FÜR uns und niemals gegen einander. 

Wir alle haben Bedürfnisse. Hören wir ihnen zu, erfüllen wir sie und werden so zu gelasseneren Menschen, Eltern, Großeltern, Kindern und Freunden. 

Auf meine Bedürfnisse hinter meiner Wut zu achten, hat sehr viel bei mir verändert. Darauf zu schauen, dass meine Batterien voll sind und so die Anzahl meiner Wut-Wellen zu verringern. Das ist nur MEINE Aufgabe. Ich habe verstanden, dass meine körperlichen, psychischen und energetischen Ressourcen Grenzen haben. Diese frühzeitig zu erkennen, zum Beispiel an körperlichen Warnsignalen (bei mir ist das ein zuckendes Augenlid als Zeichen von Stress) ist ein wichtiger Bestandteil im achtsamen Umgang mit mir und meinen Gefühlen.

Mittlerweile habe ich einen sehr tiefen Zugang zu meinen Emotionen, auch dank meines Sohnes. Er ist in so vielen Situationen mein Wegweiser und ich lerne durch ihn. Ich habe verstanden, dass ich nicht meine Emotion bin. Ich bin nicht die Traurigkeit, ich bin nicht die Wut. Es kommt vor, dass ich mich traurig oder wütend fühle. Das ist ein großer Unterschied für mich. 

Ich habe auch noch eine Art Notfallkoffer. 

Das klingt vielleicht komisch, aber für mich ist das wichtig. Zu wissen, dass ich im Ernstfall, wenn ich es für notwendig halte, Dinge an der Hand habe, die mir helfen. Das können Kleinigkeiten sein, die mich kurzfristig runterholen (unter die Dusche stellen!) und eine Art Notbremse sind. Ich erkenne mittlerweile gut, wann ich den Koffer hervorholen muss und wann nicht. Mich selbst und meine Gefühle zu verstehen ist für mich der größte Wachstumsprozess!

Und so lerne ich mit meinen Kindern mit. Wir sind weiterhin manchmal traurig, ängstlich, glücklich und wütend. Das ist auch okay, denn alle Gefühle dürfen sein. Wir überlegen dann, was wir tun können. Ob wir kuscheln, in ein Kissen schreien oder laut zur Musik tanzen. 

Und sollte ich die Ausfahrt nicht erwischen und reagieren, wie ich nicht reagieren will, nämlich ungeduldig, laut und gestresst, befinde ich mich wieder auf der langen Autobahn der Schuldgefühle. Ich blicke in die Augen meines Sohnes und will ihm sagen, dass es mir leidtut, ihm erklären, warum ich gerade aufgebracht war. Doch er schaut mich an und es sprudelt aus ihm heraus „Mama, geht’s dir jetzt besser? Mir schon. Brauchst du was? Ich war wütend, weil…“ 

Und ich weiß, alles ist gut. 

Ich bin Mutter. 

Ich bin Mensch.

Ich habe Gefühle. 

Ich empfinde Wut.

Ich bin Liebe. 

Foto Stephanie Pichler-Rossbacher
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